Wenn die Worte fehlen – Umgang mit Trauernden nach einem Schicksalsschlag

Wenn die Worte fehlen – Umgang mit Trauernden nach einem Schicksalsschlag

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Wenn die Worte fehlen – Umgang mit Trauernden nach einem Schicksalsschlag

Was sagst du zu jemandem, der gerade einen Lieblingsmenschen auf tragische Weise verloren hat?

Wir alle kommen ab und zu in Situationen, in denen wir mit solch tragischen Geschichten oder Emotionen konfrontiert werden, dass uns einfach die Worte fehlen.

Wir wissen nicht mehr, was wir sagen können und haben das Gefühl, dass alles, was wir jetzt sagen, ohnehin falsch wäre.

Wie du mit diesen Situationen umgehen kannst und warum du auch einmal sprachlos sein darfst.

Die Nachricht kommt wie eine Keule

Während meiner Arbeit als Trauerbegleiterin für ein Bestattungsunternehmen wurde ich immer wieder mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert:

Da war der Familienvater, der sich vom Hochhaus stürzte.
Die Mutter, die an Krebs erkrankte und kurze Zeit später im Hospiz verstarb.
Da war der frisch gebackene Opa, der von einer Sportreise nicht zurückkehrte.
Und da waren verwaiste Eltern, die nach einem Unfall das Leben ohne ihre Kinder neu ausrichten mussten.

Wenn wir uns plötzlich mit Schicksalsschlägen konfrontiert sehen, kann uns das sehr zusetzen. Auch dann, wenn wir eigentlich Fremde sind.

Und gerade dann, wenn wir uns mit den Menschen beschäftigen, die zurückbleiben und deren Leben sich im Bruchteil einer Sekunde zum einzigen Alptraum wandelte.

Meine Sprachlosigkeit lähmte mich

Manchmal passierte es, dass ich einfach nicht mehr wusste, was ich sagen sollte.

Die Emotionen, die mir offenbart wurden, waren so tief und so überwältigend, dass Worte nicht mehr hätten ausdrücken können, was mir in diesem Moment auf der Seele und im Herzen lag.

Damals war es so, dass ich der „Profi“ war: Ich war dafür da, die Menschen ab den ersten Momenten der Schreckensbotschaft bis zur Beerdigung zu begleiten (und oft auch noch darüber hinaus).

Ich spürte irgendwann in diesen Jahren, dass ich mich nicht mehr mit dieser Sprachlosigkeit konfrontiert sehen wollte.

Ich wollte mein Wissen vertiefen, wollte erfahren, was ich sagen und tun konnte, um Menschen in Notsituationen eine echte Stütze zu bieten.

Und so ging ich sie an, meine Ausbildung zur Trauerbegleiterin.

Ich war sicher, dass ich nach meiner Ausbildung nicht mehr sprachlos war, wenn ich wieder einer Mutter gegenüber stand, die gerade erfahren hatte, dass ihr Kind sich erhängt hatte.

Mitgefühl kannst du nicht in Worte fassen

Meine Ausbildung dauerte viele Monate.

In dieser Zeit lernte ich alles über die Trauerphasen, über die Hilfe in der Trauer. Ich lernte, wie man Menschen in Trauer begleitete. Lernte alles über pathologische Trauer und was ich zu tun hatte, wenn Menschen professionelle Hilfe brauchten. Ich lernte auch, wie ich die Trauernden zurück in ein Leben in „Normalität“ begleiten konnte.

Lernte ich auch, was ich sagen konnte, wenn Menschen einen akuten Schicksalsschlag erlitten?
Lernte ich, nicht sprachlos dazustehen im Angesicht der Zerstörung, die manche Nachrichten in Menschenleben anrichteten?

Nein…

Ich lernte nichts dergleichen.
Man brachte mir keine Floskeln bei und ich erhielt keine Anleitung, keinen Leitfaden.

Was ich aber lernte war:

Es ist okay, wenn uns die Worte fehlen.
Es ist okay, wenn wir nicht gefühlskalt reagieren, nur weil wir „Profis“ sind.
Wir müssen keine Floskeln parat haben, die Menschen nicht helfen.

Es ist okay, das Herz sprechen zu lassen. Auch als Profi. Oder gerade dann.

Lass dein Herz sprechen

Es ist okay, den Schmerz zu fühlen. Und es ist okay, wenn einem die Worte angesichts der vielen verheerenden Schicksalsschläge auf der Welt fehlen. Verheerende Schicksalsschläge, die für wenige Stunden das eigene Leben streifen.


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Was ich stattdessen lernte

Ich habe stattdessen gelernt das zu sagen, was ich fühle.

Nicht, weil mir das jemand beigebracht hat, sondern weil spürte, dass es das war, was Menschen am meisten half.

Sprichwörtlich habe ich mich eine Weile mit diesen Menschen in den Mist gesetzt, habe zugehört und versucht herauszufinden, mit wem ich da eigentlich gerade in der Scheiße saß.

Ich schaltete oft meinen Kopf aus und überließ meinem Gefühl die Führung: Was brauchten diese trauernden Menschen nun am dringendsten? Wie konnten wir gemeinsam die Beerdigung so organisieren, dass es im Sinne der Verstorbenen und der Hinterbliebenen geschah? Was konnte ich den Hinterbliebenen abnehmen? Und was tat ihnen gut, wenn sie es selbst übernahmen?

Wenn mir die Worte fehlten, und das kam hin und wieder vor, dann habe ich das einfach auch so ausgedrückt: „Es tut mir so leid, was Ihnen passiert ist. Mir fehlen gerade die Worte…“ – und meist kam das Gespräch so in den Fluss.

Ich habe immer vorsichtig gefragt, was passiert ist. Damit gab ich den Trauernden eine Möglichkeit, sich alles von der Seele zu reden. Viele brauchten das. Und dann saß ich manchmal drei Stunden mit ihnen da und habe zugehört.

Manche brauchten das aber auch nicht. Du brauchst noch nicht einmal viel Feingefühl, um das zu spüren. Und wenn das so war, dass sie nicht sprechen wollten, dann war das auch okay. Wir haben dann sachlich die Beerdigung besprochen. Eine Person sagte einmal zu mir: „Wissen Sie, das war jetzt genau richtig. Diese ganze Gefühlsduselei kann ich jetzt überhaupt nicht ertragen!“ – es zeigt, dass jeder in der Trauer anders reagiert und andere Bedürfnisse hat.

Ich habe gelernt, die Zeichen der unterschiedlichen Bedürfnisse zu deuten und mich darauf einzustellen. Trotzdem: Die Einladung zum Gespräch erhielt und erhält noch immer jeder.

Wenn die Worte fehlen Trauernde Schicksalsschlag-Pinterest

Ein Fazit und mein Rat an dich

Wenn du das nächste Mal Menschen gegenüberstehst, die mit einem fürchterlichen Schicksalsschlag oder sehr tiefer Trauer konfrontiert sind, dann sagt eine Umarmung, eine sanfte Berührung am Arm oder ein geflüstertes „Es tut mir leid, mir fehlen die Worte“ mehr, als gestammelte Aufmunterungsversuche.

Ich kann dir nur raten, die Zeichen zu deuten. Du spürst schnell, ob ein Trauernder reden möchte oder nicht.

Und oft ist da nicht nur Traurigkeit, sondern auch Wut, Ärger, Frust, Liebe, Verzweiflung, …
Da sind so viele Emotionen in Trauernden, die Außenstehende leicht überfordern (und die Trauernden selbst übrigens auch). All diese Emotionen sind vollkommen in Ordnung und ganz normal.

Mach dir keine Gedanken, wenn du es einem Trauernden nicht recht machen kannst.

Hab Geduld, biete immer wieder ein offenes Ohr an und sag gerade raus, wenn du überfordert bist: „Sag mir, wie ich dir helfen kann. Ich weiß nämlich gerade nicht weiter“.

Ja, vielleicht wirst du dann angeschrien, weil der Trauernde selbst nicht weiß, wie er sich helfen kann. Aber nimm dir das nicht zu Herzen. Denke immer dran: Der Trauernde fährt Karussell.

Und auch du bist ein Mensch mit Empfindungen. Du darfst sie äußern.

Zuhören und da sein hilft mehr, als jedes deiner ausgesprochenen Worte.

Buchempfehlungen

Zum Schluss möchte ich dir noch drei Bücher empfehlen:

Warst du schon einmal in einer ähnlichen Situation? Was sagst du in solchen Situationen? Oder: Welche Worte haben dir in der Trauer geholfen?

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